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Redebeitrag beim Streikposten am 8M

GEA – Gewerkschaft der Emotionsarbeitenden

Wir sind von der GEA, der Gewerkschaft der Emotionsarbeitenden. Wir haben uns Anfang Februar zusammengeschlossen, um bis zum 08. März (gezielt) unterschiedliche emotionale Arbeiten zu bestreiken. Wir möchten kurz von unserem Streik und den damit verbundenen Erfahrungen berichten.

Was wir meinen, wenn wir von emotionaler Arbeit sprechen …Emotionale Arbeit = Verantwortung für/ in Beziehungen und Beziehungsgestaltung zu übernehmen.

  • in Freund*innenschaften, in (wie auch immer strukturierten), Liebesbeziehungen, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit, in Wohngemeinschaften, in politischen Gruppen oder in Familien.         
  • Ganz  konkret heißt das z.B.
    • Beziehungen herzustellen, zu gestalten, zu entwickeln         
    • Ansprechbar zu sein bzw. aktiv andere anzusprechen         
    • Anderen zuzuhören         
    • Sich bei Freund*innen oder Liebespartner*innen eigenaktiv zu melden         
    • Eigene Gefühle und Erwartungen klar zu formulieren         
    • Gefühle anderer wahrzunehmen und ernst zu nehmen bzw. auch konkret danach zu fragen         
    • Andere mitzudenken, auf sie Bezug zu nehmen, auf sie acht zu geben         
    • In Gesprächen nachzufragen, wenn Themen nicht klar werden, d.h. aktiv um Verständigung ringen         
    • Auch Probleme und Konflikte wahrzunehmen, anzusprechen und sich der Auseinandersetzung zu stellen

Wir sprechen von Verantwortung in Beziehungen. – Das kann sich auch mal wie Arbeit anfühlen (vor allem, wenn es ungleich verteilt ist) – einfach auch, weil es Aufmerksamkeit, Zeit und Kraft fordert. 

Was bestreiken wir? Und warum?

Viele von uns haben schon früh gelernt, emotionale Arbeit zu machen. Das wird auch von uns erwartet und wird uns zugeschrieben: geduldig sein, zuhören, lächeln, aufmerksam sein, trösten, Verständnis zeigen. An diesen Fähigkeiten und Eigenschaften ist grundsätzlich nichts negativ, aber problematisch wird es, wenn sich andere, z.B. (cis-) Männer, überwiegend darauf verlassen und ausruhen (können), dass diese Arbeit für sie und mit ihnen getan wird. Wenn sie aber nicht ebenso umsorgend, aufmerksam, tröstend usw. agieren, dann entsteht ein deutliches Ungleichgewicht.

Unser Anliegen war und ist, diese Arbeit sichtbar zu machen und ihr mehr Wertschätzung zukommen zu lassen, durch uns selbst und durch andere.Im Sinne einer solidarischen und gleichberechtigten Gesellschaft wollen wir die Verantwortung für Emotionales als gemeinschaftliche Aufgabe begreifen und entsprechend von uns lieben Menschen auch mehr Verantwortungsübernahme fordern.EA ist nicht nur anstrengend, sondern auch schön, verbindend und sinnstiftend. Gerade für Menschen, die weniger gelernt haben, EA zu leisten, kann es ein befreiender Prozess sein, diese (mehr) zu erlernen – Wir haben alle was davon!Damit sich unser Streik nicht im Verborgenen abspielt, aber auch um die Möglichkeit von Veränderung und positiver Entwicklung in der jeweiligen Beziehung zu öffnen, haben viele von uns ihr konkretes Anliegen (also ihre Gründe für den Streik und Forderungen bzw. Wünsche) in einer Streikerklärung verkündet.Die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich:Manche von uns haben positive Rückmeldungen auf ihr Streikerklärungen an (geliebte) Menschen bekommen – Botschaften des in-Beziehung-sein-Wollens, des mehr-Verantwortung-übernehmen-wollens. Andere sind aber auch Ärger begegnet, Ablehnung und Unverständnis. Zum Teil sind wir ignoriert worden und es gab nie eine richtige Antwort auf unsere (berechtigten) Anliegen.Aber: Was sind diese Anliegen? Was fordern wir denn? Wir finden, es geht nicht um abgehobene unerreichbare Erwartungen, sondern um Grundlagen der Beziehungsgestaltung und des Aufeinander-Bezugnehmens. Wir haben uns z.B. gewünscht: 

  • frag  auch du mal zuerst nach, wie es mir geht         
  • übernimm Verantwortung für unsere Beziehungsgestaltung (z.B. bei der Vereinbarung von Treffen)         
  • sprich schwierige Themen an und überlege Dir Lösungsvorschläge         
  • besprich emotionale Themen auch mit männlichen Freunden und überlass das nicht immer mir…         
  • Wir  fordern außerdem, dass ihr, die ihr bisher weniger EA macht, euch selbstständig und initiativ Gedanken macht, euch organisiert, euch einbringt. Denn auch diese Veränderung anzustoßen, ist nicht nur unsere Aufgabe.

Unsere Streikgründe sind keineswegs rein persönliche Themen, sondern an ihnen wird im Privaten das Politische sichtbar – sie verweisen auf strukturelle Unterschiede. Deshalb haben wir uns miteinander solidarisiert und uns gewerkschaftlich organisiert. So können wir uns gegenseitig unterstützen, Strukturen erkennen und sichtbar machen und politische Kraft entwickeln, um unsere Anliegen stark zu machen.

Noch mal zum Schluss:

Wir sind keine Maschinen. Wir sind keine Steine. Wir sind Menschen.Wir sind aufeinander verwiesen. Wir sind aufeinander angewiesen.Wir leben in Beziehungen. Und wir (alle) leben von Beziehungen. Diese Beziehung müssen: (aktiv) hergestellt werden, (aktiv) gelebt werden, (aktiv) gepflegt werden. Manchmal müssen sie gerettet werden. Auf jeden Fall nicht: passiv!Beziehungen bedeuten auch immer mal wieder Konflikte bzw. Interessenskonflikte. Die müssen bestenfalls angesprochen und in gemeinsamer Verantwortung geklärt und bearbeitet werden.Mit Menschen in Beziehung zu sein, ist kraftvoll. Es gibt uns Kraft fürs Leben. Und es ist unser Leben.Nicht: was wir kaufen oder wie wir aussehen. Wie wir in Beziehung sind – das ist unser Leben.Wir sind Beziehungswesen. Und das ist (verdammt noch mal) viele Anstrengungen wert.ABER: Wir wollen, dass alle Arbeit, alle Verantwortung, die damit eben auch verbunden sind – dass die ausreichend wertgeschätzt werden und dass sie endlich deutlich gerechter verteilt sein müssen.Denn was wären wir ohne Menschen, mit denen wir unsere Lebensgeschichten (ernsthaft) teilen können, ohne Trost, ohne Anteilnahme, ohne Zusammenhalt, ohne Menschen, die unsere Nöte kennen und unsere Freuden?!Beziehungen – in Arbeit, im Verein oder der Gewerkschaft, in Freundschaften, in Liebe, in Familie – sind gesellschaftsrelevant. Sie sind bedeutsam in so vielerlei Hinsicht. Ihre Tragfähigkeit gibt uns Kraft in Krisen, hält uns gesund, lässt uns das Leben gemeinsam erfahren und vertiefen.Und das geht uns damit ganz klar ALLE an!Und deshalb sagen auch wir: „Nicht zurück zum Normalzustand!“

Gruss von der GEA (Gewerkschaft für Emotionsarbeitende)